Ernst-Jennrich-Theater Dresden

ERNST-JENNRICH-THEATER DRESDEN

Freispruch | Posthum

Am 26. August 1953 verurteilte das Bezirksgericht Magdeburg Ernst Jennrich auf der Grundlage des Artikels 6 der DDR zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe. Den Vorwurf des Mordes an einem Angehörigen der Volkspolizei hielt das Gericht nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme für nicht erwiesen. Am 8. September 1953 hob das Oberste Gericht der DDR nach einem Protest der Staatsanwaltschaft dieses Urteil auf. Das Bezirksgericht Magdeburg wurde angewiesen, das bisherige Beweisergebnis als hinreichende Schuldfeststellung auch hinsichtlich des Mordvorwurfs zu betrachten und den Angeklagten auch wegen Mordes zum Tode zu verurteilen. Entsprechend dieser Weisung verurteilte das Bezirksgericht Magdeburg Ernst Jennrich am 6. Oktober 1953 zum Tode.

Martin Kornmeier als Jennrich

Am 20. August 1991 hebt der 4. Strafsenat des Bezirksgerichts Halle auf Antrag seines Sohnes das Urteil auf. Ernst Jennrich wird freigesprochen. Der Senat hält die Verurteilung Jennrichs auch nach damaligem Recht der DDR für verfassungswidrig. Eine Straftat kann nur „bei Vorhandensein einer konkreten Strafandrohung abgeurteilt werden". Der Artikel 6 der Verfassung der DDR enthält, so die Richter, eine derartige Strafandrohung jedoch gerade nicht, sondern „lediglich die pauschale Feststellung, dass es sich bei Boykotthetze um ein Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches handele". Eine schwerwiegende Gesetzesverletzung stellt darüber hinaus die bindende Weisung des Obersten Gerichts hinsichtlich der Beweisführung und des Strafmaßes dar. Freizusprechen ist Ernst Jennrich nach einmütiger Auffassung des Senats auch deshalb, weil seine Teilnahme am Aufstand des 17. Juni 1953 als „Ausübung politischen Widerspruchs und - im wesentlichen - gewaltfreien Widerstands" zu werten ist. Dabei handelt es sich um verfassungsmäßige politische Grundrechte.

Dr. Birgit Sack, Gedenkstätte Münchner Platz, Dresden.