Ernst-Jennrich-Theater Dresden

ERNST-JENNRICH-THEATER DRESDEN

17. Juni

Einar Schleef

Auf der Straße Panzer. Vor dem Gaswerk, auf dem Bahnhof, vor der Post, auf dem Marktplatz, in den Ausfallstraßen, vor der Maschinenfabrik, vor dem Fahrradwerk MIFA, auf dem Schacht.

In unserer Straße.

Überall Panzer: Wo kommen die vielen Panzer her?

In unserer Straße einer hinter dem anderen. Die Weiber liegen in den Fenstern, die Kinder spielen Verstecken oder Kriegen, immer um die Panzer. Hoch klettern dürfen wir nicht.

Die Post kommt. Mutter geht zur Haustür. Ein gelber Brief wird unter der Tür durch-gesteckt. Mutter öffnet die Tür, begrüßt die Briefträgerin, nimmt den Brief hoch. Die Postbotin beobachtet meine Mutter. Mutter liest den Absender. Ein grüner Stempel: Sowjetische Kommandantur. Mutter schließt schnell die Tür. Geht hoch, legt den Brief ins Herrenzimmer auf den runden Tisch.

Vater kommt zum Mittagessen. Mutter ruft mich nicht. Ich habe Hunger, klingele. Keiner macht auf. Ich klettere über den Nachbarzaun, über den Trümmerhaufen, im Hof der Kommandantur sind Schäferhunde. Ich klettere über unseren Hühnerstall. Die Soldaten rufen mich. Schon bin ich in unserem Garten, krieche durch das Eisengitter vom Waschhausfenster. Oben höre ich Vater und Mutter brüllen. Mutter schlägt auf den Tisch. Mutter schließt die Herrenzimmertür auf, ich sehe den gelben Umschlag, daneben den Brieföffner, auf dem Tisch der gefaltete Brief, Maschinenschrift und Stempel. Vater liegt auf dem braunen Sofa, kreidebleich, der Kopf nach hinten, den Hemdkragen offen, der Schlips zur Seite gerutscht. Vaters langer Hals, der Kehlkopf zuckt, Vater schluckt. Mutter schließt die Tür von außen ab, geht auf den Balkon und wirft den Schlüssel auf den Trümmerhaufen, in den Goldregen. Schließt sämtliche Türen ab, nimmt mich an die Hand. [...]

Wir stehen auf der Straße vorm Haus. Mutter geht nach links. Am Schlagbaum zeigt Mutter den Personalausweis, ich an der Hand. Der Offizier lächelt. Wir können durch.

10 Minuten später sitzen wir bei den Großeltern.

Kommentar 1974, 1975

Nach 23 Jahren erzählt Mutter: Alle wie Vater bekamen einen Brief, sind auf die Kommandantur und nicht zurückgekommen. Ich wollte unseren Vati behalten.

Martin Kornmeier als Jennrich